Ungewolltes Mitleid für Probstheida

Drei Sachen sind gewiss: Der Tod, Steuern und beschissene Choreografien der Blau-Gelben. Umso schlimmer ist es, dass ich bei einem Banner der Unaussprechlichen in Würzburg sagen musste: Yo, ihr habt recht. Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt des Ortsrivalen las sich am Main (selbstverständlich ungeil aussehend): „Euer System ist krank“ – eine Wahrheit, die immer wahrer wurde in den letzten Tagen.

Meister müssten aufsteigen, weiß man von Probstheida über Leutzsch bis nach Glücksburg, Sonthofen, Görlitz und Selfkant. Dass es der ungeliebte Ortsnachbar mal wieder nicht geschafft hat, in einem defizitären System eine Meisterschaft in einen Aufstieg münden zu lassen, ist schon ungerecht genug – auch wenn ich Häme dahingehend nicht verstecken kann. Aaaaaber…

Der Abstieg der Löwen und ein Clusterfuck sondergleichen

Was dann folgte, ist eine Ungerechtigkeit, die ich selbst meinem schlimmsten Feind (ja, genau dem) nicht gönne. Keine 48 Stunden nach dem Anpfiff der zweiten Partie in den Aufstiegsspielen um die 3. Liga teilte der TSV 1860 München mit, dass er die Lizenzvoraussetzungen für eben jene Spielklasse nicht erteilt bekommen wird, der Abstieg in mindestens die Viertklassigkeit gewiss ist (Wer das alles nicht versteht, hat unsere Medientipps nicht rezipiert, Schande über euch!). Hier sei die erste Frage erlaubt: Wieso liegt die Frist für die Nachreichung von Lizenzbedingungen bitte hinter den Aufstiegsspielen? Die wären ja obsolet, wenn ein Verein aus der 3. Liga nicht in dieser antreten kann.

Und wieso um Himmels Willen gibt es die Regelung, dass im Falle eines Lizenzentzugs nicht ein unterklassiges, erfolgreiches Team bevorzugt wird, sondern das oberklassige, erfolglose.

Um es deutlich zu machen: Würde in der 2. Bundesliga Hertha BSC (random Beispiel) keine Lizenz für die kommende Saison bekommen, würde qua der Regularien nicht etwa der in der Relegation gegen Fürth unterlegene RWE aufrücken, sondern Fortuna Düsseldorf die Klasse halten. Genau so passiert es jetzt in der 3. Liga – Havelse statt Probstheida. Also, wenn…

Where the fuck is Havelse?

Der TSV aus Garbsen hat seine zweite Saison in der Drittklassigkeit hinter sich. Bei der ersten Teilnahme setzten sich die Randhannoveraner als Tabellenzweiter der Regionalliga Nord in den Aufstiegsspielen gegen Schweinfurt durch und spielten – ob mangelnder Spielstätte – im Niedersachsenstadion, also im Spielort von Hannover 96, einem WM-Stadion von 2006. Zuschauerschnitt: 1.171 in einer Schüssel für 49.200 Menschen.

Letztes Jahr wurde Havelse erstmals Meister der Regionalliga Nord, durfte in den Aufstiegsspielen dem Ortsrivalen begegnen – und gewann. Für die 3. Liga wurde als Spielort das Ellenriedestadion auserkoren, die Heimstätte der 2. Mannschaft von 96. Dort mussten extra Tribünen aufgebaut werden. Diese sind nach dem mutmaßlichen Abstieg inzwischen aber demontiert, weswegen es noch keine Lizenz seitens der 3. Liga, sprich des DFB für die kommende Spielzeit gibt.

Stadienabbau hier, Stadionausbau dort

Und hier wird es bitter für Blau-Gelb. Denn, während die Niedersachsen ihren vermeintlichen Spielort schon demontiert haben, musste am Südfriedhof für die Aufstiegsspiele schon einiges Geld in die Hand genommen werden – zum zweiten Mal, nach Rasenheizung letztes Jahr diesmal ein Umbau des Dammsitzes für Auflagen mit Hinblick auf den Brandschutz. Die irrigen Vorschriften des DFB sehen vor, dass der Spielort für die 3. Liga seitens der Aufstiegsaspiranten in den unsäglichen Aufstiegsspielen bereits vor eben jenen drittligatauglich sein muss, die Lizenzvoraussetzungen stimmen müssen. Ältere erinnern sich, dass beim BFC Dynamo vor den verpatzten Partien gegen Oldenburg binnen weniger Wochen knapp eine Million Euro für eine Lizenz zusammengekratzt werden musste, die nach der Niederlage gegen VfB überhaupt nicht erteilt wurde.

In Probstheida hat man in den letzten beiden Jahren einen etwa siebenstelligen Betrag ins Stadion investiert, damit es fit für eine Liga wird, das es nicht sehen wird. Wohingegen ein Vorortverein aus Niedersachsen möglicherweise jetzt die Chance bekommt, innerhalb einer Woche zu sagen: Ach, wir stellen hier ein paar Tribünen in dem Stadion eines benachbarten, großen Vereins auf – und dann kommen Hansa, Mannheim und Duisburg.

Lieber Schacht und Zipsendorf als Südfriedhof

Und selbst wenn der DFB beschließt, dass das nicht so läuft, die Lizenz für den TSV nächste Woche (!!!) nicht erteilt, rutscht Erzgebirge Aue nach. Ein Verein, der in der Liga sein erstes Spiel in diesem Jahr am 03. Mai gewonnen hat. Als die Schachter schon abgestiegen waren – Stand jetzt.

Das System ist krank. Erinnert ihr euch noch an die DFB-Kampagne „Unsere Amateure, echte Profis“? Die klingt in Anbetracht des aktuellen Clusterfucks zwischen Aufstiegsreform und den letzten Tagen wie blanker Hohn. Im Norden wissen gerade Vereine von Regionalliga über Oberliga und wer weiß wie weit nicht, in welcher Klasse sie spielen werden in wenigen Wochen. Das gleiche auch im Nordosten.

Es wäre nur fair, wenn die ungeliebten Blau-Gelben hoch gehen – und ich habe schon fast Mitleid (das schlimmste, was ein Fan vom Rivalen haben möchte). Für uns hätte es dazu auch was feines: Statt zum Südfriedhof ginge es nach Aue UND Meuselwitz. Zwei Ziele, die ich deutlich lieber beide ansteuern würde als nur eins davon und Probstheida. Allein, es wird nicht so kommen. Fick dich, DFB.